Massengräber in Orahovac?
Serbiens Polizei hat Berichten widersprochen, wonach serbische Einheiten in Orahovac (Kosovo) Hunderte Albaner massakriert und verscharrt haben. "An der betreffenden Stelle sind die Leichen von albanischen Extremisten begraben, die bei den Kämpfen um Orahovac vor zwei Wochen umkamen", erklärte Oberst Bozidar Filic, der für das Kosovo zuständige Sprecher des Innenministeriums bei einer Pressekonferenz in Orahovac im Grenzgebiet zu Albanien. Nach der Offensive vor zwei Wochen auf diese Ortschaft sollen nach einem Bericht der Berliner Tageszeitung "taz", die sich auf Augenzeugen beruft, 567 Kosovo-Albaner - darunter 430 Kinder - massakriert und in Massengräbern verscharrt worden.
Filic bestritt, daß sich unter den Toten Kinder befunden haben könnten. Auf die Frage, ob die serbischen Behörden einer Exhumierung und Untersuchung unter internationaler Beobachtung zustimmen würden, entgegnete er, daß dies "vom Staatsanwalt abhängt".
Eine EU-Beobachtermission hat unterdessen bei einer ersten Untersuchung keine Hinweise auf Massengräber in Orahovac gefunden. Vor Ort seien nur zehn mit Namen versehene Einzelgräber gefunden worden, sagte der Sprecher der EU-Mission im Kosovo, der Österreicher Walter Ebenberger nach Angaben der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Einheimische hätten die Berichte über Massengräber nicht bestätigt.
Die "taz" berichtete am Mittwoch, die Gräber lägen etwa 700 Meter von der Stadtgrenze entfernt und dienten bisher als Mülldeponien. Nach den Berichten der Augenzeugen seien die albanischen Zivilisten nach dem Ende der Gefechte von Serben ermordet worden. Es sei zu Massakern an ganzen Familien gekommen. Noch immer würden Leichen mit Lastwagen abtransportiert. Auch die "Washington Post" berichtete über Massengräber.
Albanische Quellen im Kosovo konnten zunächst die angegebene Zahl von in Massengräbern begrabenen Opfern nicht bestätigen. In der zuvor heftig umkämpften Ortschaft gebe es keine Albaner, die den Meldungen nachgehen könnten, sagte eine der Albanerführung nahestehende Quelle in Pristina. Mehr als 20 000 Bewohner aus der Stadt seien in die Berge und Wälder geflüchtet. Es gebe keinen Zugang zu ihnen, um sie über Vermißte zu befragen.
Albanische Institutionen in Pristina schätzen die Zahl der bei Orahovac getöteten Albaner auf 200 Personen. Die meisten Opfer seien Zivilisten, die nach Ende der Kämpfe von serbischen Polizisten und Freischärlern erschossen wurden.
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05.08.98, 16.42
by FOCUS Online GmbH, 1998