01.12.2006:
|
(ips)In
der Abenddämmerung mag die
altehrwürdige Id Kah-Moschee in
Kaschgar mit ihrer orientalisch
anmutenden Umgebung auf den ersten
Blick an ein Märchen aus 'Tausend
und eine Nacht' erinnern.
Tatsächlich sind diese mit
Minaretten verzierten Ladenzeilen
erst ein paar Jahre alt,
eintöniger Ersatz für die
malerischen Basare, die das in der
westchinesischen Provinz Xinjiang
heimische muslimische Turkvolk der
Uiguren einstmals mit geschäftigem
Leben erfüllten. Wirklich alt ist
nur die berühmte, aus dem 15.
Jahrhundert stammende Id
Kah-Moschee, Chinas größte und
älteste Moschee. Die engen, stets
überfüllten Marktgassen wurden
abgerissen. Sie mussten einem
großen, übersichtlichen Platz und
einem modernen Stadtzentrum
weichen. "Es ist vielleicht nicht
mehr wirklich authentisch, doch
die neuen Gebäude sind viel
schöner und für die Touristen
attraktiver als die frühere
Altstadt", erklärt der Uigure
Askaer, ein Vertreter der lokalen
kommunistischen Partei, bemüht,
möglichen Fragen der Besucher nach
dem Original zuvorzukommen.
Jahrhunderte lang hatten die
Chinesen versucht, das von den
unabhängigen Uiguren regierte, an
der Seidenstraße gelegene reiche,
blühende Handelszentrum Kaschgar
unter ihre Kontrolle zu bekommen.
Diese alte Handelsstraße war der
Korridor, der China mit Zentral-
und Südasien und dem fernen Europa
verband.
Mit der Restaurierung von Kaschgar
sollte zwar eine
Touristenattraktion geschaffen
werden, doch nach der rigorosen
Modernisierung der Innenstadt mit
dem großen Zentralplatz und den
herausgeputzten neuen Gebäuden ist
Kaschgar heute eher ein Ebenbild
der vielen anderen modernisierten
chinesischen Großstädte, auch wenn
etwa 90 Prozent seiner Einwohner
rund 340.000 Uiguren sind.
Die Stadtverwaltung hat einige der
alten Häuser erhalten und lässt
die Besucher auf einer
Besichtigungstour einen Blick auf
den exotisch anmutenden Alltag der
Einheimischen werfen. Wie in einem
Freilichtmuseum backen sie hier
ihr traditionelles Brot, brühen
ihren Tee und sticken ihre
prächtigen langen Schals.
Ein paar Jobs im Freilichtmuseum
21 der gut 640 Häuser sind so gut
erhalten, dass man sie Touristen
vorführen kann. Mit den sonnigen
Terrassen und der Blumenpracht
ihrer Höfe sollen sie etwas vom
Charme des alten Kaschgars
vermitteln. Die Bewohner der
übrigen alten Häuser sind arm und
lassen die Gebäude verfallen, wie
die junge Stadtführerin freimütig
einräumt.
Die hohen Mieten, die für die
neuen Läden der großen
Einkaufsmeilen am Zentralplatz
verlangt werden, sind für
einheimische Uiguren, die hier
früher ihre Verkaufstände
kostenlos aufbauen konnten,
unerschwinglich. Das Geschäft
machen jetzt die aus dem
chinesischen Inland zugewanderten
Han-Chinesen, die billige
chinesische Konsumwaren aus
chinesischen Fabriken verramschen.
Auch in Hotan, einer anderen alten
Stadt an der ehemaligen
Seidenstraße, bieten touristische
Projekte den Besuchern Motive für
einen Schnappschuss. Hier kann man
ein paar Dutzend Einheimische
beobachten, die traditionelle
Handwerkskunst wie das Färben von
Seide und das Teppichweben
vorführen. Im Gegensatz zu diesen
Jobs haben Angehörige der
uigurischen Minderheit keine
Chance, im Luxushotel 'Yudu' in
der Nähe als Rezeptionisten oder
Kellner angestellt zu werden. Für
diese Arbeite werden ausdrücklich
"nur Han-Chinesen" gesucht.
Uigurische Muslime, die, wie Batur
Abdula, für die Stadtverwaltung
von Hotan arbeiten wollen, müssen
dafür einen Preis bezahlen und
einen Teil ihrer ethnischen
Identität aufgeben. Abdula musste
seinen Bart abrasieren und darf
nicht mehr zur Moschee gehen.
Chinesische Behörden sehen es
nicht gern, wenn ihre Angestellten
ihre Religion öffentlich ausüben.
Mit einer gezielten
Zuwanderungspolitik, die
Han-Chinesen in die entlegene
Westprovinz Xinjiang schickt, ist
es der chinesischen Führung
gelungen, die hier ansässigen
muslimischen Turkvölkern wie
Uiguren und Kasachen zu einer
ethnischen Minderheit zu machen
und wirtschaftlich zu
marginalisieren. Seit dem
vergangenen Jahr ist es amtlich:
Elf Millionen der 20 Millionen
Einwohner der autonomen Region
Xinjiang sind Han-Chinesen und
gehören damit zur größten und
beherrschenden chinesischen Ethnie.
Viele Chinesen kamen mit den
Soldaten, die Mao Tsedong in den
50er Jahren hierher geschickt
hatte. Später ließen sich viele
Inlandchinesen von den neu
entdeckten wirtschaftlichen
Reichtümern Xinjiangs, den Erdöl-
und Erdgasvorkommen im
Tarimbeckens, an dessen Westrand
Kaschgar liegt, nach Westen
locken. Seit den 90er Jahren hatte
die Zentralregierung mit einer 'Westwärts!'-Kampagne
um Zuwanderer für Xinjiang
geworben.
Heute transportiert eine 4.200
Kilometer lange, durch sechs
chinesische Provinzen führende
Pipeline, ein 14,5
Milliarden-Dollar-Projekt, Erdgas
aus dem Tarimbecken an die
Ostküstenmetropole Schanghai. Die
Energieressourcen aus dem
Tarimbecken haben noch an
Bedeutung geworden, seitdem die
Ergiebigkeit anderer chinesischer
Ölfelder, etwa in Daqin, die seit
den 50-Jahren in Betrieb sind,
abnimmt. Chinas staatlicher
Erdölgigant PetroChina rechnet
damit, dass die Rohölförderung im
Tarimbecken in diesem Jahr um 50
Prozent auf 15 Millionen Tonnen
steigt.
Transferroute für
zentralasiatische Gas- und
Öl-Pipelines
Ihre günstige geographische Lage
verheißt der Wirtschaft der Region
eine glänzende Zukunft. Weil jede
Erdöl- und Erdgasleitung aus den
energiereichen zentralasiatischen
Staaten durch Xinjiang führen
muss, entsteht hier derzeit Chinas
größtes petrochemisches
Industriezentrum. Angesichts der
Bemühungen Chinas um die Sicherung
und Diversifizierung der für die
rasant wachsende
Industrialisierung benötigen
Energie gibt es schon jetzt Pläne
für den Bau von mindestens drei
Pipelines aus Russland und
Zentralasien.
Nach Ansicht einheimischer Uiguren
besteht kaum Hoffnung, dass auch
sie eine Chance haben, von den
glänzenden Wirtschaftsaussichten
ihrer Heimatregion zu profitieren.
"Wo Öl und Geld zu holen sind,
findet man nur Han-Chinesen",
kritisierte ein Uigure in Hotan.
Die Dozentin und China-Expertin
Elizabeth Economy, die beim
US-amerikanischen Rat für
auswärtige Beziehungen die
Abteilung für Asien-Studien
leitet, bestätigte gegenüber IPS
diese skeptische Einstellung. "Die
Arbeitskräfte kommen aus dem
Osten, und dorthin fließen auch
die Gewinne", sagte sie IPS. "Ohne
grundlegende Änderungen werden die
Menschen in Xinjiang nicht von
dieser Entwicklung profitieren."
Große chinesische Ölkonzerne wie
PetroChina behalten zwar bei ihren
verschiedenen Projekten in
Xinjiang 28 Prozent der
Arbeitsplätze den einheimischen
ethnischen Minoritäten vor. Doch
auf den Öl- und Gasfeldern findet
man unter den Beschäftigten kaum
einen Einheimischen. Man traut
ihnen nicht, denn hier gelten
Muslime als Sicherheitsrisiko.
Unter den hundert Arbeitern und
Ingenieuren, die in Lunnan am
Ausgangspunkt der nach Schanghai
und Peking führenden Erdgasleitung
beschäftigt sind, ist kein
einziger Uigure.
Repression als Terrorbekämpfung
deklariert
Weil die Regierung in Peking
Xinjiang für eine politische
Krisenregion hält, verlässt sie
sich bei der Sicherung der
wirtschaftlich so bedeutenden
Energieressourcen der Provinz
nicht allein auf den forcierten
Zuzug von Chinesen aus dem Inland,
sondern ist hier auch militärisch
stark präsent. Die wegen der
politischen Schikanen und der
religiösen Unterdrückung
bestehende Antipathie der
einheimischen Minoritäten gegen
die Zentralregierung wird durch
die massive Truppenpräsenz noch
verstärkt.
Zudem sorgen politische Unruhen
und das Auftreten islamischer
Fundamentalisten im benachbarten
Pakistan und in Afghanistan dafür,
dass auch in Xinjiam der Islam
neuen Zulauf erhält. Die
regionalen Behörden befinden sich
in guter Gesellschaft, wenn sie
ihre Repressalien gegen die
muslimischen Minderheiten als
Terrorbekämpfung ausgeben. Vor der
internationalen Gemeinschaft
rechtfertigen sie die Verstärkung
der Sicherheitskräfte und die
rigorose Kontrolle der
Religionsausübung mit der
Behauptung, man wolle einen
Beitrag zum globalen
Anti-Terrorkampf leisten.
Die ablehnende Haltung der Uiguren
gegenüber den Chinesen ist überall
in Xinjiang deutlich zu spüren.
Weit brisanter jedoch ist das
unter den nicht-chinesischen
ethnischen Minderheiten der Region
vorherrschende Gefühl, von den
Chinesen wirtschaftlich
ausgegrenzt zu werden.
Ein Artikel aus
der Islamischen Zeitung